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Die Liebe am Nachmittag.

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Die Liebe am Nachmittag


Bernhard lebte mit seiner Frau Bernadette und ihren vier Kindern in einer Vorstadt von Köln. Sie bewohnten ein Haus mit Garten und einem hässliche Anbau, Bernhards Atelier. Bernhard war Maler, hatte aber keinen Erfolg. Er malte in den Abendstunden und am Wochenende und versorgte in der übrigen Zeit die Familie. Bernadette war Unternehmensberaterin, Spezialistin für Softwareentwicklung. Sie ging morgens aus dem Haus und kehrte abends zurück, wie andere Ehemänner auch. Als Hilfe für Haushalt und Kinder kam jedes Jahr ein neues Au pair, italienischer oder schwedischer Abstammung, weil die Familie in diesen Ländern Urlaub machte.

Bigge war mit Fünf die jüngste. Seit dem ersten Au pair-Wechsel weigerte sie sich, sauber zu werden: setzte Haufen vor die Tür des neuen Au pairs oder vor das Bett der Eltern und lauschte in ihrem Zimmer auf Treffer. Bettie, ihre ältere Schwester, war Zwölf, spielte Klarinette und vertonte die Bilder ihres Vaters, der dann erst sah, was er gemalt hatte.

Patrick war ihr Zwillingsbruder. Er bewohnte mit Basic, dem Ältesten, das andere Kinderzimmer, schlief mit seinem Skateboard und verwandelte, sobald er erwachte, Haus und Garten in eine anarchische Hindernisbahn: wofür ihn alle hassten. Um sein Taschengeld aufzubessern, bildete er Ying, den Labrador, und Jang, die Hauskatze, auf dem Brett aus und gab mit ihnen in der Fußgängerzone Vorstellungen.

Patrick war Bluter. Doch während Bettie (als weiblicher Zwilling grundlos) in Angst vor ihrer ersten Periode lebte, suchte Patrick mit seinem Brett Situationen, die das Blut in den Adern gefrieren ließen, sodass bei Verletzungen nichts austrat. Basic hieß eigentlich Johannes, liebte seine Mutter und stöberte mit ungewöhnlicher Intelligenz in den Schwachstellen der Ehe, speicherte Fundstücke in seinem Computer und ließ das Programm laufen, wenn Gäste zugegen waren.

Helen war ein Gast gewesen.
Bernadette hatte aus dem Büro angerufen: Es werde noch dauern!
Bernhard antwortete: Es werde Kohlsuppe geben!
Bernadette stöhnte, und Bernhard schlug vor, wen auch immer, mitzubringen und nach der Suppe weiterzuarbeiten.

Also setzten sich Helen und ihr sächsischer Chauffeur an den Küchentisch, und Bernhard zählte auf: Schweineschulter, Lammkeule und ein fettes Huhn, reichlich Zwiebeln, ein paar Nelken, Lorbeer, Pfeffer, Salz, nicht wenige Kartoffeln, in Mengen Wirsingkohl und Schweinswürste ganz obenauf! Das Fleisch beiseite. Drei Tage Frikassee und kalt aufs Brot. Aber der Kohl und die Würste!

Helen hörte aufmerksam zu, verliebte sich, als Bernhard über den dampfenden Kessel gebeugt nach Würsten fischte, verliebte sich noch einmal, als er einen Schöpflöffel auf ihren Teller leerte, in dessen Mitte schon die Schweinswurst lag.

Wurde Bernhards Sehnsucht zu groß, rief er Helen an. Kam sie, stellte er ihr einen Teller von der Suppe hin, die sie hungrig aß, bevor sie sich liebten. Die Sehnsucht wurde gestillt, für zwei oder drei Wochen. Dann bestellte Bernhard frische Schweinswürste, kehrte vom Wochenmarkt mit einem türkischen Netz Wirsingkohl heim und schob den Suppentopf auf den Herd.

Helen war wie Bernhard Ende Dreißig, groß und von kräftiger Gestalt, sodass sie gut zueinander passten. Sie hatte von ihrem Vater eine Maschinenbaufirma übernommen und lebte mit zwei Katzen in einem Haus neben dem Werksgelände - wie es schon ihr Vater und dessen Vater getan hatten. Sie war viel unterwegs. Bernhard erreichte sie meist über Autotelefon oder unter der Nummer eines Hotels, selten zu Hause. Das machte die Treffen schwierig. Wenn es einmal klappte, war oft ein Monat verstrichen, die Schweinswürste eingefroren, der Wirsing kompostiert.

Schon an dem Abend, als Helen mit Bernadette kam, um zu arbeiten, und Kohlsuppe aß, wussten es alle: die Kinder, Gianna, das italienische Au pair (eine Deutschstudentin aus Mailand, ein fünftes Kind als Kindermädchen), Ying und Jang, alle wussten es.
Helen und Bernhard? Wahrscheinlich.
Und Bernadette?
Wahrscheinlich auch.

Die beiden Frauen arbeiteten bis in die Nacht, teilten sich dabei eine Flasche Chablis und einen Brocken Parmesan. Helen hatte den Chauffeur nach Hause geschickt, wollte ein Taxi nehmen bis zum Firmensitz bei Paderborn, willigte dann aber in Bernadettes Angebot ein, im Arbeitszimmer zu übernachten.

Bernhard löschte das Licht im Haus und warf noch einen Blick auf die Kinder, deren ruhiger Schlaf ihn am Ende eines chaotischen Tages sanft stimmte. Weil Bernadette ihn darum gebeten hatte, brachte er Helen noch eine Decke. Sie trug ein Nachthemd von Bernadette, und ihm wurde nun bewußt, da er das Kleidungsstück an einer großen Frau sah, dass Bernadette an manchen Tagen kaum größer wirkte als eine der Puppen, mit denen Bigge spielte.

Ich hätte Ihnen etwas von mir geben können, sagte er mit einer knappen Handbewegung, die erklären sollte, was er damit meinte.
Helen nahm die Decke, und um ihre Verlegenheit zu überwinden, gab sie ihm einen Kuss auf den Mund.

Am Morgen hatte ihr der Chauffeur frische Sachen gebracht und wartete schon vor dem Haus. Als Helen aus dem Arbeitszimmer kam, um zu duschen, trat sie in den Haufen, den Bigge vor ihre Tür gesetzt hatte. Und auch wenn sie von nun an achtgab, damit ihr das nicht wieder passierte: Bigge verteilte ihre Haufen so geschickt, dass es Helen jedes Mal mit großer Gewissheit traf.

Bigge wurde nie bestraft.
Bernhard nannte es Regression.
Helen erklärte: Es habe zwar mit Erziehung zu tun, sei aber wohl tabu!

Bernhard versuchte es einzurichten, dass niemand sonst an jenen Nachmittagen, wenn Helen kam, im Haus war. Doch es gelang ihm nie. Eines der Kinder oder das Au pair war immer anwesend, und so gewöhnten sich die beiden daran, weil es keine andere Möglichkeit gab, die Zeit zu nutzen, der sie allein waren.

Das Minimum dauerte zwölf Sekunden, nicht weniger: Entkleiden (Helen trug: nichts, was aufhielt), Miteinanderschlafen (dessen einzige Gewissheit, sie hatten sich Wochen nicht gesehen, oft nur ein zweifacher, von verzweifelt um Stille sich bemühenden Lippen erstickter Schrei war), Wiederankleiden (ein Reissverschluss war zu schließen, Stoff glatt zu streichen, kaum mehr), und eine flüchtige Kontrolle (nichts als das erwachende Bewusstsein für die wieder einsetzende Zeit).

Der Nachmittag des Minimums: ein Desaster, Überwachung, Orwellsche Welt! Nun der Abend. Die Kinder warteten schon in der Küche, Bernadette legte noch Akten auf ihren Schreibtisch, und Bernhard reichte Helen, die sich gerade die Hände wusch, ein Handtuch ins Badezimmer, verließ es nach zwölf Sekunden und ging an den Herd, um die Suppe zu verteilen. Helen sah nur Augenblicke später einen Schatten im Treppenhaus und stand mit ihren Lackschuhen schon in der Scheisse. Rote Bete vom Vortag, Bigges Lieblingsgemüse.

Helen warf die Schuhe weg und aß ihre Kohlsuppe. Unter dem Tisch lag Ying, der hier gewöhnlich aufsammelte, was ihm die Kinder zuwarfen. (Die Erziehung war nachlässiger geworden mit den Au pairs.) Der Labrador schnupperte an Helens nackten Füßen, schmatzte ordinär und leckte sie ab bis zu den Knien.


Wenn Helen an diesen Nachmittagen kam, fragte sie als erstes: War Bigge schon auf dem Klo? Doch noch bevor Bernhard antworten konnte, resignierte sie: Lass nur! sagte sie schnell. Ich werde wieder in die Scheisse treten! Ich spür's!

Für Bernhard und Helen war es die große Liebe: etwas, was ihnen zum erstenmal begegnete und sie um so hilfloser machte, weil sie der Überzeugung waren, es gäbe diese Art Liebe nicht. jetzt wussten sie, dass sie sich irrten und dass die große Liebe eine ganz und gar vernünftige Angelegenheit war: nichts als die Gewissheit, die wenigen Momente wahren Glücks, die uns begegnen, nur mit einem bestimmten Menschen teilen zu können - gleich, mit wem man die übrige Zeit seines Lebens verbringt.

Helen fühlte sich zudem seltsam wohl in der Familie und schloss dabei selbst Bigge und Bernadette in ihr Wohlbefinden ein: Bigge, weil sie deren Artistik bei der Darmentleerung bewunderte, denn wie viele Frauen ihres Alters und ihrer Position litt Helen an Verstopfung. Bernadette, weil die Verhandlungen, die sie schon miteinander geführt hatten, angenehm leicht und entspannt verlaufen waren. So sorgte sie dafür, dass Bernadette auch von ihren Zulieferern Aufträge bekam, und machte den Kindern teure Geschenke. Im übrigen war sie der Meinung, dass Bernadette von den nachmittäglichen Besuchen wenigstens eine Ahnung haben musste. In dieser Sicht erschien das Ganze als eine Finesse des Ehelebens - das Helen allerdings völlig fremd war.

Wenn sie es einrichten konnte, besuchte sie die Familie alle zwei oder drei Monate offiziell und blieb über Nacht.
Bernhard sagte ihr einmal, dass Bernadette darauf bestehe, in diesen Nächten mit ihm zu schlafen.
Und? hatte ihn Helen ein wenig zu leicht gefragt: Wie ist es? Ist es schön? Macht es Spaß?
Aber Bernhard hatte nachdenklich geantwortet, ohne Triumph und, wie es schien, ohne Heimlichkeit, sodass es sie tief verletzte.

Von den Kindern verstand sich Helen am besten mit Basic, der jede freie Minute mit seinem Personal Computer verbrachte, aß, wenn es ihm durch das Programm nahegelegt wurde, und schlief, wenn auch der PC müde war. Er digitalisierte Betties Vertonungen der Bilder seines Vaters und schrieb ein Programm dazu.

Jeder Arsch, sagte er zu Bernhard, kann so malen wie du!
Und er zeigte ihm einige Dutzend Bilder, die er auf seinem PC entworfen hatte.
Helen mochte er, weil sie ihn ernst nahm.
Er hatte sie gefragt, wie alle Frauen, denen er begegnete, was sie ihm über die Liebe sagen könnte.
Und Helen hatte ihm ohne Zögern geantwortet: dass sie uns in die Scheisse führt!

Er mochte diese Frau auch, weil er spürte, dass sie seinen Vater von seiner Mutter fernhielt, und er entwickelte ein Programm mit dem Ziel, Gelegenheiten für einen Betrug auszuwerten. In ihm wurden Termine und räumliche Bewegungen der Familie gespeichert. Auf Anfrage spie der PC dann eine Reihe von Dates aus.

Im Grunde versuchte Helen auf dem Umweg über den Jungen etwas über den Vater zu erfahren. Sie nahm an, dass unsere Wünsche, wie wir lieben und geliebt werden wollen, sich schon in der Kindheit festsetzen, wie Kalk in einer Wasserleitung. Bei der Unternehmensberatung, wo man sie nach dem Tod ihres Vaters auf die neue Aufgabe vorbereitete, lernte sie, in schwierige Verhandlungen auch die Kindheit einzubeziehen: Wer über sie verfüge, verfüge über den ganzen Menschen. Helen sollte beiläufig etwas aus ihrer Kindheit erzählen. Ihr Gegenüber würde mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anders können, als nun auch seinerseits etwas aus der Kindheit zu erzählen. Diese Sentimentalität gelte es auszunutzen.

Ganz im Gegensatz zu Helen war Bernadette auffallend klein und schmal. Ihr enges Becken hatte es notwendig gemacht, das Maß für den Kaiserschnitt von Mal zu Mal höher zu legen. Ihre Mutter, von gleicher Statur, hatte noch geraten, auf Kinder zu verzichten und möglichst obenauf zu liegen, weil zuviel verdrängt werde, wenn man hundert Kilo über sich spüre oder mehr. Doch Bernadette war zäh gewesen, hatte vier Kinder geboren und war nach all den Jahren mit Bernhard der Meinung, dass ihr dort oben wahrscheinlich das Beste entgangen wäre.

Sie ahnte, dass ihren Mann und Helen etwas verband, was zu kennen zentrifugale Wirkung haben würde. Sie war ein zurückhaltender Mensch und mischte sich nicht in die Angelegenheiten anderer; auch nicht in die ihres Mannes mit einer anderen Frau. In der möglichen Gefährdung ihrer Ehe sah sie ein intellektuell zu lösendes Problem, bei dem es im Grunde um die Wirtschaftlichkeit ihrer Ehe mit Bernhard ging: darum, ob sie sich noch rechnete.
Dieses Vernunftdenken nahm sie durchaus mit einer gewissen Wehmut an sich wahr. Aber sie liebte ihren Beruf, der sie unter Menschen führte, und akzeptierte dessen weiten Schatten: die allmähliche Durchdringung ihres Wesens mit der kühlen Mentalität, dass es für alles die richtige Beratung und in der Folge eine zufriedenstellende Lösung geben müsse - obwohl die meisten dieser Lösungen, das wusste sie, Arbeitsplätze, Nerven und viel Geld kosteten.

Die Verhütung ist, wie die Abtreibung, stets Kostgängerin der Liebe - und die Verhütung dieser Liebesgeschichte war altmodisch. Sie kalkulierte nur mit der Leidenschaft, sodass die Wahrscheinlichkeit, eine Schwangerschaft zu verhindern, gering war. Bernhard schlief mit Helen und vertraute auf Bernadettes Spirale. Helen vertraute darauf, dass sie selten mit Männern zusammen war, woran sich nichts geändert hatte. Sie hasste die Produkte der Feingummi-Industrie und vertrug keine Chemikalien.

Beide Frauen wurden zur gleichen Zeit schwanger. Bernadette mit, Helen ohne Spirale, und beide wussten von der anderen, was geschehen war, als Bernhard den Topf mit der brodelnden Kohlsuppe, in der die Schweinswürste schwammen, auf den Küchentisch stellte. Bernadette war die Schnellere, erreichte das Klo als erste und schlug die Tür zu vor Helen, die gegen die Wand kotzte.

Gianna verschwand mit den Kindern nach oben.

Während Bernhard noch aufwischte, sprachen Helen und Bernadette miteinander. Dann setzte er sich zu ihnen, und obwohl es schwierig und ein wenig lächerlich anzusehen war, hielt er beider Frauen Hände.

Wir sind jetzt schwanger, sagte Bernadette, und als Helen nichts hinzufügte, wusste Bernhard, dass seine Frau mit dem wir nicht ihn, sondern Helen gemeint hatte.
Ohne aufzuschauen, in einem Ton, der schon Zustimmung signalisierte, fragte er: was wollt ihr tun?
Bernadette antwortete: Wir werden Ferien machen!
Und Helen sagte: Wir wollen in die Niederlande. Wir werden das flache Land anschauen, das Meer, die Städte, die Menschen ... all das!

Als sie nach einigen Wochen zurückkehrten, hatte sich alles verändert. Die beiden Frauen hatten festgestellt, dass sie auch für eine längere Dauer gut miteinander auskamen, und beschlossen, ihre Geschäftsbeziehungen auszuweiten. Sie waren zunächst einige Tage in Amsterdam gewesen, in der Cristmas Straat 85, und danach in den Süden des Landes gefahren, ans Meer. Es war Herbst, die Sandstrände fast menschenleer. Sie saßen schweigend hinter den schützenden Dünen auf der Terrasse des Hotels oder machten Spaziergänge am Meer und erzählten sich ihre Kindheit, während in der salzigen Luft ihre Wunden heilten. Bernhard gegenüber dachten sie gerecht: sie waren Teilhaber gewesen und Nutznießer.

Bernadette ließ sich scheiden und behielt das Haus, da sie zum neuen Schuljahr Karen vorweisen konnte, das neue Au pair aus Uppsala, das die Kinder versorgte. Bernhard behielt das Atelier und Unterhalt für drei Jahre, in denen er, so die Familienrichterin, eine bezahlte Arbeit finden müsse. Bernhard fand einen Malermeister, der ihn zum Lehrling nahm, und legte nach zwei Jahren die Gesellenprüfung ab.

Manchmal kochten Bernadette und Helen Kohlsuppe für einen jungen Mann, den die eine oder andere aufgetan hatte und den sie in dieser Nacht miteinander teilten. Die Suppe war nicht so gut wie die von Bernhard, aber die jungen Männer bemerkten es nicht, saßen erwartungsvoll am Küchentisch, wenn Bernadette die Suppe verteilte, streckten die Beine aus und in die Haufen, die Bigge dort zurückgelassen hatte.

Bernhard blieb der eigentliche Erzieher der Kinder, die manchmal nachts auf nackten Zehen und im Schlafanzug ins Atelier schlichen, damit er sie umarmte und ihnen zuhörte, während er auf Leinwand und in Ölfarben malte, was Bigge und Bettie, Patrick und Basic ihm erzählten. Seine neuen Bilder ließen den Betrachter, auch wenn er über kein Herz verfügte, jene Tränen vergießen, von denen man nur noch im Märchen hört.

Bigge, um abzuschließen, wurde von einem Polizeiwagen überrollt, als sie sich auf die Straße hockte, um gegen ein Atomkraftwerk zu protestieren. Bettie überlebte diverse Menstruationen und starb, wie schon erwartet, am Blutverlust bei ihrer Defloration, die ihr der Schulpsychologe beibrachte.

Patrick wählte immer gefährlichere Berufe und wurde zuletzt Schriftsteller. Endlich taute sein gefrorenes Blut, er tauchte seine Feder hinein und schrieb. Basic, der sich nun Johannes nennen ließ, studierte Informatik, gründete mit Hilfe seiner Mutter und Helens noch als Student ein eigenes Unternehmen, spezialisiert auf EDV-Programme über familiäre Strukturen und darin wiederkehrende Beziehungen - und wurde reich.

Manchmal, ich vermute selten, weil jene Augenblicke selten bleiben im Leben, kam Bernadette am frühen Nachmittag heim und fand das Haus leer, dessen Bewohner außerhalb zu tun hatten, als gelte jetzt erst Basics Plan. Dann ging sie in den Garten und klopfte zweimal an das Fenster des Ateliers.
Hörte sie: Komm nur rein!, lehnte sie sich in die Tür und fragte in einem Ton von wunderbarer Traurigkeit: Wie geht es dir? Geht es dir gut?
Dann wischte Bernhard sich die Hände ab, schaute Bernadette prüfend an und sagte im selben Ton, der nur bedeutete, dass die Zeit der Katalysator unserer Wünsche ist: Am Nachmittag? Alles ist ruhig? Natürlich geht es mir gut!

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mosaik